Qualzuchten der Farbratte

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Des einen Freud, des anderen Leid. Weil Ratten mit lockigem Fell oder ohne Schwanz in den Augen einiger Betrachter schöner aussehen, wird außer Acht gelassen, was diese körperlichen Veränderungen für die Tiere bedeuten. Wir zeigen auf, welche Probleme mit einigen Züchtungen einher gehen und warum sie als Qualzucht anzusehen sind.

Was sind Qualzuchten?

Qualzuchten der Ratte

Ratten mit lockigem Fell haben zahlreiche Probleme und gelten daher als Qualzucht. Foto: Nienor

Als Qualzucht werden Tiere bezeichnet, denen Merkmale angezüchtet wurden, die mit Leiden und Schmerzen einhergehen und/​oder die Tiere daran hindern, ihre angeborenen und natürlichen Verhaltensweise auszuleben. Häufig werden diese Merkmale aus ästhetischen Gründen in der Zucht gefördert. So haben beispielsweise viele kleine Hunde eine verkürzte Schnauze, damit ihr Gesicht dem Kindchen-​Schema näher kommt. Dass dabei gleichzeitig Atem- und Augenprobleme angezüchtet wurden, wird sowohl von Käufern wie auch Züchtern häufig ignoriert.

Grundsätzlich sind Qualzuchten sowohl nach deutschem, österreichischem wie auch nach schweizerischem Tierschutzgesetz verboten. Allerdings greift das Gesetz erst, wenn durch ein Gutachten eindeutig nachgewiesen wurde, dass bei der entsprechenden Rasse oder Zuchtform tatsächlich mit angeborenen Leiden, Schmerzen und /​oder Verhaltensstörungen zu rechnen ist. Erst dann können Richter tatsächlich die Zucht mit den entsprechenden Tieren verbieten. Bislang ist es daher schwer, die Nachzucht einzelner Qualzuchten in der Praxis zu verhindern.

Welche Qualzuchten gibt es bei Ratten und welche Probleme haben sie?

Bei der Zucht von Heimtieren kommt es immer wieder zu zufälligen Mutationen, die das Erscheinungsbild der Tiere verändern. Gefällt einem Züchter das neue Merkmal, so wird er versuchen, es durch Zucht zu erhalten und weitere Tiere mit dem Merkmal in die Welt zu setzen. So blieben auch Ratten nicht davor verschont, dass sich neben ihren Fell- und Augenfarben auch ihre Körperform und Fellstruktur veränderten, weil sie so im Auge einiger Betrachter schöner als Standard-​Farbratten waren.

Im Folgenden werden die bisher bekannten Qualzuchten der Farbratte und die Probleme, die damit einher gehen, kurz beschrieben.

Ratten ohne Fell: Nacktratten

Nacktratten haben wenig bis gar kein Fell. Wie bei anderen Heimtieren geht man irrsinnigerweise davon aus, dass Tiere ohne Fell keine Allergien auslösen, und verkauft die Tiere als allergikerfreundlich. Da in der Regel aber nicht die Haare die Allergien auslösen, sondern häufig die Proteine im Speichel und /​oder Urin der Ratten, reagieren Allergiker auch auf Nacktratten.

Das Rattenfell erfüllt mehrere wichtige Aufgaben. Zum einen hält es die Tiere warm und wirkt isolierend. Nacktratten geben deutlich mehr Körperwärme an ihre Umgebung ab und verlieren so viel Ernergie. Daher ist ihr Stoffwechsel aktiver als der einer befellten Ratten und sie brauchen auch mehr und energiehaltigeres Futter. Auch ist es wichtig, dass die Tiere bei einer gleichmässigen und relativ hohen Raumtemperatur gehalten werden, damit sie möglichst wenig Energie aufwenden müssen, um ihre Körpertemperatur zu halten.

Auch im Zusammenleben mit Artgenossen ist das Fell wichtig. So stellen Ratten in Konfliktsituationen ihr Fell auf und «borsteln» bzw. «plüschen». Zudem schützt das Fell die Haut vor Verletzungen während einer Auseinandersetzung mit Artgenossen. Aber auch im ganz normalen Rudelalltag tragen Nacktratten häufiger Blessuren und Kratzer davon, wenn beispielsweise eine andere Ratte nur über sie drüber klettert. Viele Nacktratten sammeln daher im Laufe ihres Lebens zahlreiche Narben.

Neben dem fehlenden Fell haben Nacktratten verkümmerte Vibrissen. Da Ratten nur sehr schlecht sehen, nutzen sie diese langen Sinneshaare, um sich zu orientieren. Dies ist mit den meist stark gebogenen und brüchigen Vibrissen der Nacktratten nur eingeschränkt bis gar nicht möglich. Daher haben die Tiere vor allem in der Dunkelheit Probleme, sich an neuen Orten zurecht zu finden. Ist es hell genug oder befinden sich die Tiere an einem bekannten Ort, können sie das durch ihren Gesichtssinn meist einigermaßen wett machen bzw. sie nutzen eine Art Gedächtniskarte, um sich zurecht zu finden.

Dazu kommt, dass Nacktratten zu Problemen mit den Augen neigen. Durch die veränderte Fellstruktur passiert es immer wieder, dass Haare in die Augen wachsen und diese reizen. Bei betroffenen Tieren müssen immer wieder entsprechende Haare (teilweise durch den Tierarzt) entfernt werden. Dazu kommen Augentropfen oder -salben, um die Reizung oder Entzündung zu behandeln.

Es gibt verschiedene Arten von Nacktratten:

  • NudeHairlessSphynx: Die Tiere sind komplett nackt. Häufig haben sie auch gar keine Vibrissen. Sind diese doch vorhanden, dann sind sie stark verkümmert.
  • Fuzz: Die Tiere haben sehr kurzes lichtes Fell im Gesicht und an den Pfoten, der Rest des Körpers ist mehr oder weniger nackt. Die Vibrissen sind verkümmert.
  • Double-​Rex und Double-​Velveteen: Die Tiere können bei der Zucht von Ratten mit lockigem Fell entstehen. Sie verlieren am ganzen Körper immer wieder ihr Fell. Die lockigen Haare wachsen zwar nach, brechen aber sehr schnell und fallen wieder aus. Auch die Vibrissen brechen leicht und fallen aus.
  • Patchwork: Die Tiere ähneln den Double-​Rex und Double-​Velveteen Ratten. Allerdings wachsen nur vereinzelte Haare nach.

Ratten mit Locken: Rex und Velveteen

Es gibt zwei Arten von Ratten mit lockigem Fell: Rex und Velveteen. Beide Züchtungen unterscheiden sich optisch nicht, allerdings haben Rex-​Ratten eher hartes Fell, während das von Velveteen-​Ratten viel weicher und flauschiger ist. Bei beiden können die Haare unterschiedlich stark gelockt sein.

Sowohl Rex- als auch Velveteen-​Ratten haben in der Regel gekrümmte Vibrissen, die leicht brechen. Für die Orientierung sind diese daher unbrauchbar (siehe Nacktratten). Hinzu kommt, dass das Fell oft auch dünner ist als bei Ratten mit normalem Fell. So verlieren Ratten mit lockigem Fell wie die Nacktratten mehr Wärme, sind empfindlicher gegenüber Temperaturschwankungen und verletzen sich teilweise auch leichter als andere Ratten. Viele Lockenratten bekommen zudem im Alter sehr lichtes Fell, sodass sich die Probleme noch verstärken.

Viele Ratten mit lockigem Fell haben immer wieder gereizte Augen. Das kommt unter anderem daher, dass auch die Wimpern gelockt sind und so ins Auge wachsen können. Häufig müssen sie daher vom Tierarzt entfernt werden, damit das Auge nicht weiter gereizt wird. Das Tier muss dann zusätzlich mit Augentropfen oder -salbe behandelt werden, damit die Reizung oder Entzündung zurück geht. Teilweise können auch Haare in die Nase der Ratten wachsen.

Dazu kommt, dass Rex- und Velveteen-​Ratten immer so aussehen, als hätten sie das Fell aufgestellt. Da Ratten in Konfliktsituationen «borsteln» bzw. «plüschen», kann das im Rattenrudel als Aggression wahrgenommen werden und somit zu Missverständnissen führen. Allerdings lernen die Rudelmitglieder mit der Zeit, auch die Körpersprache ihrer lockigen Artgenossen richtig zu interpretieren.

Bei der Zucht von Ratten mit lockigem Fell kann es vorkommen, dass Double-​Rex und Double-​Velveteen-​Ratten geboren werden. Diese Tiere verlieren ihr ganzes Leben lang immer wieder ihr Fell (siehe Nacktratten).

Ratten mit langem Fell: Angora- oder Harley-Ratten

Das Fell von Langhaar-​Ratten – auch Angora oder Harley genannt – ist etwa doppelt so lang wie das einer normalen Farbratte. Häufig ist das Fell auch recht dünn und brüchig. Der Pelz vieler Langhaarratten wird mit dem Alter immer lichter.

Daher haben Harley-​Ratten die gleichen Probleme wie Nacktratten und solche mit lockigem Fell: Sie verlieren viel Energie in Form von Wärme, sind empfindlich gegen kältere Raumtemperaturen und verletzen sich teilweise leichter, weil das schützende Fell nicht dicht genug ist.

Mit Mutation für das längere Fell betrifft auch die Vibrissen. Diese wären eigentlich länger als die von normalen Ratten, wenn sie nicht so dünn und brüchig wären. Daher sind die Tasthaare vieler Harley-​Ratten eher kurz und damit oft unbrauchbar für die Orientierung.

Häufig sind Harley-​Ratten noch von einer weiteren Mutation betroffen. So tragen viele auch das Rex- oder Velveteen-​Gen. Sie haben dann recht langes, gelocktes Fell und leiden zusätzlich unter Problemen der Augen wie die anderen Ratten mit lockigem Fell.

Auch Satin-​Ratten haben sehr feines dünnes Haar, das leicht bringt. Da sie auch häufig sehr lichtes Fell und abgebrochene Vibrossen haben, weisen sie die gleichen Probleme wie Langhaar-​Ratten auf.

Ratten ohne Schwanz: Tailless- oder Manx-Ratten

Viele Menschen finden den langen Schwanz der Ratte eklig. Da kam es ihnen leider ganz recht, dass eine Mutation aufgetaucht ist, die dafür sorgt, dass Tailless-​Ratten ohne Schwarz zu Welt kommen. In Anlehnung an die bekannten schwanzlosen Manx-​Katzen werden diese Ratten auch Manx-​Ratten genannt. Nicht immer fehlt der komplette Schwanz. Bei sogenannten Rumpy-​Ratten ist der Schwanz nur kürzer als normal.

Der wenig behaarte Schwanz der Ratte ist allerdings wichtig für die Thermoregulation: An heissen Tagen können die Tiere über den Schwanz Körperwärme abgeben. Auch nutzen Ratten ihren Schwarz vor allem beim Klettern und Balancieren dazu, das Gleichgewicht zu halten. Obwohl sich Ratten, denen der Schwanz abgezüchtet wurde, zu einem gewissen Grad daran gewöhnen und einigermassen mit dem Defizit klar kommen, sind sie doch stark in ihren normalen Bewegungen eingeschränkt.

Dazu kommt, dass die Schwanzlosigkeit mit einer massiven Skelettverformung einher geht. Vor allem die Wirbelsäule ist betroffen. Fehlende Wirbel sorgen dafür, dass die Tiere eine sehr rundliche Körperform besitzen und sich eher hoppelnd fortbewegen als normal zu laufen. Weibliche Manx-​Ratten können zudem aufgrund einer massiven Verformung des Beckens ihren Nachwuchs nicht auf natürliche Art und Weise zur Welt bringen. Teilweise konnten auch verkrüppelte Hinterbeine, Lähmungen, offene Rücken und andere Missbildungen beobachtet werden.

Hinweis: Es kommt vor, dass Rattenmütter ihren Babies beim Putzen versehentlich den Schwanz abbeißen. Auch kann es passieren, dass einer Ratte aufgrund einer Verletzung (durch Unfall oder Biss) der Schwanz (teilweise) amputiert werden muss. Bei diesen Tieren handelt es sich zwar nicht um eine Qualzucht und sie leiden auch nicht unter den Folgen der Skelettverformungen, dennoch sind die Tiere durch die erworbene körperliche Behinderung in ihren Bewegungen und der Thermoregulation eingeschränkt.

Übergewichtige Ratten: Fat-Rats

In den USA werden leider Fat-​Rats immer beliebter. Wie der Name schon sagt, sind diese Tiere besonders dick. Sie erreichen nicht selten ein Gewicht über einem Kilo und bleiben auch bei einer strengen Diät nicht schlank. Es wird vermutet, dass ein Adipositas-​Gen der Grund dafür ist, dass die Tiere übergewichtig sind.

Hinweis: In Europa sind Fat-​Rats sehr selten. Dennoch gibt es in der Heimtierhaltung immer wieder übergewichtige Ratten. Das liegt aber meist nicht an einer genetischen Veranlagung, sondern schlicht daran, dass die Tiere einfach fett gefüttert werden. Da Übergewicht krank macht, sollte unbedingt auf eine ausgewogene gesunde Ernährung geachtet werden. Zusätzlich brauchen die Tiere genug Platz und Anreize, um sich ausreichend zu bewegen.

Ratten mit grossen Ohren: Dumbo-Ratten

Wie der kleine Elefant von Walt Disney haben Dumbo-​Ratten grössere Ohren als Standard-​Ratten, die seitlicher am Kopf sitzen. Hinzu kommt, dass der Kopf oft breiter und flacher wirkt.

Die meisten Dumbo-​Ratten haben trotz der veränderten Kopfform keine körperlichen Probleme. Allerdings können bei falscher Zuchtauslese Extrem-​Dumbos entstehen. Diese leiden unter einem verkrümmten Rückgrat und teilweise auch einem verformten Schädel. Besonders bei diesen Tieren wird vermutet, dass sie ein Leben lang unter Schmerzen leiden und daher eher zu den ruhigeren Zeitgenossen gehören. Auch können Extrem-​Dumbos ihre Ohren selten so bewegen, wie es normale Ratten tun können, und haben nur eine eingeschränkte Mimik.

Ratten mit hellen Augen

Wilde Ratten haben dunkle Augen. Zusammen mit der Zucht auf verschiedene Fellfarben sind aber auch verschiedene Augenfarben bei Ratten aufgetreten. Das liegt daran, dass Gene, die das Fell aufhellen, auch die Pigmente in der Iris der Ratte betreffen. Je weniger Pigment die Tiere ausbilden, desto heller werden die Augen. Die rote Farbe kommt daher, dass man dann das Blut in den Augen besser sehen kann.

Ratten mit hellroten Augen, sogenannten Pink Eyes, sind besonders empfindlich gegenüber Licht. Da ihnen die schützenden Pigmente fehlen, schädigt helles Licht ihre Netzhaut schneller als die von Ratten mit dunklen Augen. Das ist einer der Gründe, warum viele Ratten mit roten Augen pendeln, d.h. sie bewegen den Kopf waagerecht hin und her. Sie sehen einfach schlechter und versuchen durch den Effekt Bewegungsparallaxe, die Entfernung zu Objekten besser abzuschätzen.

Aus diesem Grund ist die Zucht von Fellfarben, die mit hellroten Augen einher gehen, als Qualzucht anzusehen. Bei einigen Shades, wie etwas Siam, gibt es allerdings bereits eine Mutation, durch die die Tiere wieder dunkle Augen haben.

Was kann man gegen Qualzuchten tun?

Die Vermehrung der oben genannten Qualzuchten ist strikt abzulehnen, da die betroffenen Tieren häufig kein normales gesundes Rattenleben führen können. Daher sollte man solche Tiere nie von «Züchtern», Händlern oder gar Zoohandlungen kaufen – auch nicht aus Mitleid, da ein Kauf die Produktion dieser armen Geschöpfe nur ankurbelt.

Mittlerweile finden sich aber viele dieser Zuchtformen auch in Tierheimen oder auf Pflegestellen. Solche Tiere verdienen als Notfellchen ein möglichst artgerechtes Zuhause, wo man sich mit den Besonderheiten ihrer Zuchtform auskennt. Denn nur mit dem nötigen Wissen kann man ihnen die Umgebung bieten, die sie brauchen, um möglichst wenig unter ihrer Behinderung zu leiden. Mit der Aufnahme von Tierschutz-​Tieren fördert man schlussendlich auch nicht die Produktion von Qualzuchten, sondern rettet ein bereits bestehendes Leben.

Autor: Nienor
zuletzt aktualisiert: 10. Februar 2017


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