Ausbildung von Pferden

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Wie läuft das Reiten richtig ab? Gibt es Tipps, wie man eine gute Reitschule finden kann? Und was verbirgt sich hinter einer «Rollkur»?

Ablauf des Reitens

Wenn wir von einem gut bemuskelten und ruhigen Pferd ausgehen, so gliedert sich das tägliche Reiten in folgende Abschnitte:

Aufwärmphase

Diese, für das Reiten äußerst wichtige Phase, sollte mindestens 5 bis 10 Minuten dauern, da sie die Muskeln für die Arbeit aufwärmt und die Gelenkkapseln zur vermehrten Abgabe von Gelenkschmiere auffordert. Je nach Charakter und Ausbildungsstand des Pferdes kann man in dieser Phase am hingegeben Zügel reiten. Es empfiehlt sich, nach etwa 10 Minuten einen ersten Löungstrab im entlastenden Sitz (Leichttraben) einzubauen, danach wird in der Regel nachgegurtet und die Hilfszügel – falls nötig – eingeschnallt. Zunächst werden dabei in der Bahn nur ganze Bahn, Zirkel oder große Volten geritten. Schlangenlinien sollten nur in großen, maximal 3 Bögen geritten werden. Ein Lösungsgalopp lockert das Tier zusätzlich.

Am Ende der Aufwärmphase kann erwartet werden, dass das Pferd vorwärts-​abwärts geht.

Arbeitsphase

Die Zügel werden aufgenommen und je nach Ziel des Reiters Lektionen wie Schenkelweichen, Vor- und Rückhandwendungen etc. geritten. Auch der Galopp wird vermehrt mit einbezogen, wobei dem Pferd immer eine kleine Erholungsphase zu gönnen sei.

Erholungsphase

Diese dient unter anderem auch der Motivation, sowie zur Verhinderung von Verkrampfungen, Ein korrekt gerittenes Pferd sollte auch dann am Zügel gehen, wenn es sich in einer Erholungsphase befunden hat.

Dehnungsphase

Nach der Arbeitsphase wird das Pferd noch mal am längeren (aber nicht hingegebenen!) Zügel auf beiden Händen geritten, wobei es die Zügel aus der Hand kaut. Das Tier sollte nun in einer entspannten Dehnungshaltung gehen, nachdem man die Hilfszügel entfernt hat.

Am Schluss wird es entweder im Schritt trocken geritten oder geführt.

Die geeignete Reitschule

Der erste Weg für Pferdebegeisterte führt meist in die Reitschule. Nah soll sie sein, gut erreichbar und möglichst preisgünstig, denn nur wenige Eltern sind bereit, 30 € oder noch mehr für den Reitunterricht ihrer Sprösslinge auszugeben. Die Pferde sollen nett und weich zu reiten sein, der Reitlehrer sowohl ruhig als auch verständlich erklären – aber woran erkennt man eigentlich die ultimative Reitschule? Es empfiehlt sich, sich zunächst völlig unverbindlich in der Reitschule umzusehen, wobei der Laie meist die entscheidenden Unterschiede kaum bemerkt. Wichtige Merkmale, die man sich vor Augen halten sollte, sind:

Wie sieht der Stall aus?

  • Kann man als Laie erkennen, ob die Pferde gut gehalten werden?
    → Helle Boxen, Fenster, Außenboxen, Paddocks (das sind kleine Auslaufmöglichkeiten, die mit den Boxen verbunden sind), Weiden, auf denen auch Pferde stehen
  • Leben die Pferde gar ganztägig draußen auf der Weide in einem Offenstall?
  • Wie sind die Möglichkeiten des Stalles?
    Gibt es Halle(n), Plätze, Ausreitgebiete?
  • Wie läuft der Unterricht ab?
    Schreit der/​die ReitlehrerIn herum oder erklärt er/​sie ruhig und auch für Laien verständlich? Wie gehen die Reitschüler miteinander um? Ist der Unterricht auch für den Laien nachvollziehbar und lehrreich?
  • Wie ist das Klima?
    Wird man als Zivilisierter schräg angeschaut oder freundlich behandelt?
  • Ist das Preis-​Leistungsverhältnis gerechtfertigt?
  • Wie wird auf die Sicherheit geachtet?
    Vernachlässigt der Reitlehrer seine Aufsichtspflicht oder kontrolliert sogar die Länge der Steigbügel oder hilft beim Nachgurten?
  • Wie sehen die Schulpferde aus?
    Glänzt das Fell oder ist es stumpf? Sind die Augen klar oder trüb? Sind die Hufe zu lang?
  • Wie sieht das Sattelzeug aus?
    Ist es geschmeidig oder brüchig?
  • Sind die Schabracken und Gebisse vollkommen verdreckt oder gepflegt?
  • Haben die Schulpferde alle eigene Putzkästen mit vollständigem Zubehör?
  • Kann man sich an herausragenden Nägeln in Wänden beispielsweise verletzen?
  • Können sich die Pferde an oben genannten Nägeln verletzen?
  • Wie sehen die Boxen aus?
    Stehen die Pferde auf ihrem eigenen Mist oder haben sie glänzendes, frisches Stroh bzw. Sägespäne? Riecht der Stall nach Ammoniak, welches für die empfindlichen Atemwege der Pferde gefährlich ist, oder ist der Stall luftig und hell? Ist die Temperatur im Stall in etwa gleich mit der Außentemperatur?

Auch sollte man erfragen können, wie viele Stunden die Pferde täglich laufen müssen – mehr als zwei Stunden ist auf Dauer nicht nur für den Körper des Pferdes schädlich, sondern auch für seine psychische Verfassung. Diese Checkliste ist unabhängig von der Reitweise, denn eine Reitschule sollte sowohl das Bedürfnis des Pferdes als auch des Reiters gut abdecken können, gleich, ob er Englisch oder Western reitet.

A, B oder C?

Anmerkung: Dieser Abschnitt bezieht sich lediglich auf die englische bzw. deutsche Reitweise.

Nicht jeder darf Reitunterricht geben. Ein anerkannter Reitlehrer ist ein ausgebildeter Pferdewirt mit Schwerpunkt Reiten. Diese Ausbildung hat mehrere Stufen (C, B und A). Je höher diese Stufe ist, desto länger wurde der Reitlehrer ausgebildet. Was aber nicht gleich heißt, dass ein A-​Trainer besser sein muss als ein C-​Trainer. Vergleichsweise können auch von der FN (deutsche reiterliche Vereinigung mit Sitz in Warendorf/​NRW) ausgezeichnete Ställe eine unartgerechte Pferdehaltung aufweisen, wogegen kleinere, private Ställe in dieser Beziehung manchmal vorbildlicher sind.

Wie teuer soll denn nun der Unterricht sein?

Die passende Reitschule ist nun also gefunden, doch auch preislich gibt es himmelweite Unterschiede: Nimmt die junge Studentin, die sich nebenbei ein bisschen Geld verdienen will, nur 8 € die Stunde, so gehen erfolgreiche Turnierreiter, die ihr Wissen und Können an den «Nachwuchs» weitergeben wollen, nicht einmal für 40 € in die Bahn. Was ist denn da nun der Mittelwert? Ganz einfach gesagt: Es gibt ihn nicht. Guter Reitunterricht kann sowohl 10 als auch 20 € kosten. Man sollte immer bedenken, dass man nicht nur einen zweibeinigen Lehrer hat, sondern auch einen vierbeinigen, der unter Umständen unter der «Massenabfertigung» leidet.

Ein guter Reitunterricht sollte lehrreich als auch fordernd sein, der Reitlehrer sollte loben wie tadeln können und auch Fehler aufzeigen und korrigieren können. Wichtig ist, dass die Pferde gesund sind und Freude an den Tag legen und dass man sich als Reiter wohlfühlt – dies kann sowohl im robusten Ponystall als auch im noblen Landesgestüt der Fall sein. Auch Empfehlungen aus dem Freundeskreis können auch beim Einstieg in die Reiterei helfen.

Noch ein letzter Tipp: Wenn einem die Reitschule zusagt, macht man am besten einen «Schnuppertermin» aus, manchmal ist ein solcher Unterricht sogar kostenlos, und schaut danach, ob einem die Reitschule immer noch gefällt – vielleicht war dies ja der optimale Einstieg in die Reiterei?

Rollkur /​Hyperflexion

Viele populäre Internetseiten schreiben, Rollkur sei eine Trainingsmethode – aber ist es nicht eher eine Art der Tierquälerei? Aber alles von vorne:

Was ist die Rollkur überhaupt?

Der Begriff «Rollkur» (auch Hyperflexion) stammt ursprünglich aus einem Artikel der Pferdefachzeitschrift St. Georg (11÷1992), in dem der Autor Heinz Meyer die harschen Umgangsweisen der Reiter mit ihren Pferden auf Abreiteplätzen und Co. beanstandete. Leider blieb dieser Artikel weitesgehend ohne große Beachtung, doch der Begriff «Rollkur» war entstanden.

Der Reiter «zerrt» bei der Rollkur sein Pferd durch starke Einwirkung der Zügel hinter die Senkrechte, so dass es sich im schlimmsten Falle selbst in die Brust beißen könnte. Internationale und erfolgreiche Profireiter praktizieren die Hyperflexion (zu deutsch: Überdehnung) schon seit Jahren – und gewinnen immer noch einen Preis nach dem anderen.

Was passiert da überhaupt?

Durch das extreme Einrollen des Halses werden die Halswirbel des Pferdes stark überdehnt, was zu einer Überspannung der Rückenmuskulatur führt. Zudem bekommt der Reiter einen gewaltigen Hebel in die Hand gedrückt, denn durch die Zügel, die ja zum Gebiss im Maul führen, wird der gesamte Druck zum Rücken hin fehlgeleitet.

Was sind die Merkmale und Folgen der Rollkur?

Die Folgen, die aus einer zu häufig betriebenen Rollkur hervorgehen, sind unter anderem:

Das Nackenband und die Muskulatur im Oberhals werden zu stark überdehnt, weshalb die Unterhalsmuskulatur unnatürlich beansprucht wird, daraus wiederum entsteht eine Fehlhaltung, die zu einer «Superman-​Figur» führt: Die Unterhalsmuskeln werden zu sehr trainiert, was ein Laie als elegante Selbsthaltung interpretieren könnte, was allerdings rein gar nichts mit Selbsthaltung zu tun hat, sondern schlichtweg mit einer völlig falschen Trainingsweise.

Das Pferd läuft praktisch nur auf der Vorhand, weshalb die Hinterhand unterbemuskelt ist. Daraus entstehen als Spätfolge häufig Verspannungen oder Rückenprobleme, zudem wird die Lendenwirbelsäule blockiert und der Rücken kann nicht schwingen. Daraus folgen Gleichgewichtsprobleme, da das Pferd eine eingeschränkte Sichtweise hat – vergleichsweise so, als hätte es Scheuklappen auf.

Die Muskeln von Kopf, Hals und Arm verkürzen sich auf Dauer. Dadurch entstehen die – in den Augen eines Laien und leider auch in den Augen von manchen Reitern – «spektakulären» Trabverstärkungen, die aber im Prinzip kaum mehr Raumgriff hervorrufen. Eine korrekt gerittene Trabverstärkung soll mehr Aktion der Beine und weniger Raumgriff beinhalten.

Die für die Versammlung notwendigen Muskeln werden auf Dauer geschwächt und bilden sich nach und nach zurück.

Außerdem werden die Anlehnung, der Takt und die Losgelassenheit gestört und zerstört.

Das Pferd kann nicht mit geschlossenem Maul kauen, da die Muskeln, die den Hals herunterziehen, am Unterkiefer und am Zungenbein liegen. Daher kann das Pferd weder entspannt abkauen, noch kann eine geschwünschte Kautätigkeit erzielt werden.

Zudem kommt noch der Druck/​Gegendruck, der die Maulwinkel einreißen kann und dem Pferd im empfindlichen Maul Schmerzen zufügen kann.

Ist die Rollkur nun Quälerei?

Die Befürworter dieser Methode bezeichnen die Hyperflexion als «Weiterentwicklung der klassischen Dressur», da sie verschiedene Faktoren der Dressur aufnimmt und weiterführt.

Die (meist deutschen) Gegner der Rollkur dagegen meinen, dass die klassischen Hintergründe und Vorsätze der Dressur vollkommen in den Hintergrund gestellt werden, beispielsweise sei das Genick nicht der höchste Punkt des Pferdes, das «leichte» Zusammenspiel von Reiter und Pferde werde gestört und die Zügel würden als «Lenkrad» missbraucht.

Fakt ist, dass Rollkur schädlich für das Pferd wirkt (siehe Folgen).

Befürworter und Gegner

Die niederländische Dressurreiterin Anky van Grunsven (dreimalige Olympiasiegerin) und ihr Trainer und Ehemann Sjief Janssen sind bekennende Praktizierende von Rollkur und vertreten die Meinung, dass Rollkur dem Stretching des Pferdes diene. Wenn man dieses «Stretching» kurz praktiziert, so werden sich keine dauerhaften Schäden beim Pferd bilden, allerdings entspricht es nicht der klassischen Ausbildung.

Erst schädlich wird es, wenn es über einen längeren Zeitraum angewandt wird. Dr. Gerhard Heuschmann, Mitbegründer von «Xenophon», eine Gesellschaft für den Erhalt und der Förderung der klassischen Reitweise, beschreibt die Rollkur mit diesen Worten:

«Stellen Sie sich das an Ihrem eigenen Körper vor: Sie gehen in ein Fitnessstudio, nehmen eine Hantel, heben sie 15 Mal hoch und legen sie dann weg, weil Sie nicht mehr können. Dann ruhen sich Ihre Muskeln wieder aus. Jetzt stellen Sie sich bitte einmal vor, der Trainer zwingt Sie weiterzumachen, indem er Ihnen ein Feuerzeug unter die Hand hält – obwohl sie eigentlich gar nicht mehr können und ihre Arme schon weh tun, weil die Muskeln ermüdet sind.»

tierwikiAutor: Brillenschlange
zuletzt aktualisiert: 24. Oktober 2009


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