Mythen der Rattenhaltung
Mythen der Rattenhaltung
Nach wie vor sind einige Irrtümer und Mythen über Ratten im Umlauf, die auch munter weiter verbreitet werden, hin und wieder auch von Menschen, die es eigentlich besser wissen müssten.
Einzelratten
Werden Einzelratten schneller zahm?
Oft wird tatsächlich auch heute noch empfohlen, Ratten einzeln zu halten, damit sie schneller zahm und zutraulich werden. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Es kann sein, daß eine Ratte mangels rattiger Partner sich sehr stark auf den Menschen fixiert, aber ein Mensch kann kein Partnerersatz für eine Ratte sein; alleine das Groomen oder die Kommunikation können vom Menschen nicht erlernt und übernommen werden. Daß eine Einzelratte evtl. stärker auf Menschen fixiert ist bedeutet folglich nicht, daß es ihr dabei gut geht und sie sich wohlfühlt, sie arrangiert sich nur mit dem Unvermeidlichen.
Ebenso kann es aber sein, daß Ratten ohne Artgenossen scheu und ängstlich bleiben – Ratten sind neophobe Rudeltiere, die in der Gemeinschaft am stärksten sind. Mit (mindestens) einem rattigen Partner sind sie meist neugieriger, aufgeweckter, interessierter – und damit auch leichter zu zähmen und zutraulicher.
Blutrausch
Stimmt es, daß Ratten, wenn man sie mit rohem Fleisch füttert, gierig auf den Geschmack von Blut werden und dann Menschen angreifen?
Diese „Weisheit“ wird bis heute verbreitet – und ist blanker Unsinn. Das weiß jeder, der schon mal bissige Ratten gezähmt hat, denn auch dabei fließt nicht selten Blut und müsste die Ratten erst recht auf den Geschmack bringen; nach dieser Theorie dürfte also das Zähmen einer Ratte, von der man mal gebissen wurde, unmöglich sein.
Es stimmt jedoch, daß man Ratten trotz allem kein rohes Fleisch verfüttern sollte; in gutem Rattenalleinfutter ist eine ausreichende Menge tierisches Eiweiß enthalten, so daß man nicht zufüttern muß; zusätzliches tierisches Eiweiß sollte nur in Maßen und als Leckerli angeboten werden. Darüber hinaus birgt rohes Fleisch immer gewisse Gefahren (z.B. Salmonellose), so daß es als Rattenleckerli nicht geeignet ist.
Gefährliche Angreifer
Fressen Ratten wirklich bei lebendigem Leib Menschen an, wenn diese sich nicht wehren?
Größe
Stimmt es, daß Ratten nicht wachsen, wenn man sie in kleinen Käfigen hält?
Nein. Wie dieser Irrglaube zustande kommt, ist etwas fraglich – er kann eigentlich nur auf eine völlig missverstandene Wachstumsprämisse bei Fischen zurückgehen: hält man Fische in zu kleinen Aquarien, können sie sich nicht richtig entwickeln, verkümmern also und sterben oft schon früh, also lange bevor sie komplett ausgewachsen sind. Daraus entstand wohl der Irrglaube, Fische würden sich an die Größe der ihnen zur Vefügung gestellten Aquarien anpassen, was aber nicht stimmt (es sei denn, man bezeichnet einen frühen Tod als „anpassen“).
Eine derartige Argumentation scheint sich irgendwann auch bei Ratten eingeschlichen zu haben – und sie ist hier ebenso unsinnig wie bei Fischen, mit dem Unterschied, daß Ratten in zu kleinen Käfigen selten körperlich verkümmern. Das Wachstum wird nicht vom Platzangebot beeinflusst, sondern beruht auf Veranlagung und der Ernährungssituation während Schwangerschaft und Entwicklungsphase. Es ist daher unbedingt erforderlich, Ratten von Anfang an in einem geeignet großen Käfig zu halten.
Huskyratten
Sind Huskyratten eine eigene Rasse, die größer und zutraulicher ist als andere Farbratten?
Nein. „Husky“ beschreibt eine Fellzeichnung, die aber nichts mit dem Charakter oder der Rasse zu tun hat; Huskies sind ebenso Farbratten wie Hoodeds, Berkshires, Selfs etc.
Laborratten und Farbratten
Stammen Farbratten von Laborratten ab und sind deshalb krankheitsanfälliger?
Daß Farbratten deshalb krankheitsanfälliger, v.a. für Krebserkrankungen wären, weil sie von Laborzüchtungen abstammen, ist sogar unter Rattenhaltern weitverbreitet – und nichtstestoweniger ein Irrtum. Ratten wurden bereits im 18. Jahrhundert gefangen und in Käfigen gehalten, z.B. für Rattenkämpfe (analog Hunde- oder Hahnenkämpfen); im viktorianischen England war es ein bekanntes „Vergnügen“, einen Terrier auf Ratten in einem abgegrenzten Bereich zu hetzen und darauf zu wetten, wie lange er brauchte, um alle zu töten. Etwa zur selben Zeit begannen sich Schausteller (damals weniger Artisten und Akrobaten als vielmehr Sammler diverser Kuriositäten und Abnormitäten) ebenfalls für Ratten zu interessieren; Ratten mit besonderen Färbungen (definitiv Albinos, evtl. auch andere Agouti-Farben, von denen in manchen Quellen auch bei wildlebenden Ratten berichtet wird) wurden eingefangen und ausgestellt. In dieselbe Epoche fallen viele Neuerungen und Entdeckungen in der Medizin, die medizinische Forschung machte große Fortschritte, und Ratten gewannen als Labortiere zu Forschungszwecken an Bedeutung.
Daraus entwickelten sich die beiden unterschiedlichen Zucht- und Haltungsformen, die wir heute kennen – die Laborratte und die Liebhaberratte.
Diese beiden Zucht- und Haltungsformen haben wenig miteinander gemein, sie unterscheiden sich völlig in Sinn und Zielsetzung, so daß es logischerweise kaum Querverbindungen geben kann: Labortiere müssen möglichst vergleichbar und daher möglichst gleich sein – je weniger sie sich unterscheiden, desto genauere Forschungsergebnisse können gewonnen werden. So geht ein Großteil der heute verwendeten Laborratten z.B. auf die Wistar Rat zurück, ein Rattenstamm, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts am Wistar Institute gezüchtet wurde; ein jüngerer Laborrattenstamm ist z.B. die Sprague Dawley Rat. Kein Labor hat ein Interesse daran, eine möglichst große Varietät in ihren Rattenstämmen zu erzielen, da dies für die Forschung durchweg kontraproduktiv wäre.
Anders sieht es in der Liebhaberzucht aus – hier wurde durchaus Wert darauf gelegt, daß die Ratten interessant waren und sich bereits phänotypisch unterschieden, interessante Färbungen und Zeichnungen aufwiesen. Hingegen hat ein Liebhaberzüchter wohl denkbar geringes Interesse daran, Tiere aus Laborbeständen in seine Zucht einzukreuzen.
Auch heute noch sind Überschneidungen selten; Abgabetiere aus Laboren werden i.d.R. über tierschutzorientierte Vermittler abgegeben, so daß auch hier weitgehend ausgeschlossen werden kann, daß Labortiere sich vermehren.
Alles in allem kann die Aussage, unsere Farbratten wären deshalb krankheitsanfällig, weil ihnen dies in Laboren angezüchtet worden wäre, ins Reich der Märchen verabschiedet werden. Daß Ratten leider relativ anfällig für Krebserkrankungen sind (ähnlich anfällig wie Menschen), ist unbestritten, liegt jedoch in ihrem schnellen Stoffwechsel und ihrer schnellen Reproduktionsrate begründet. Der Ursprung jeder Krebserkrankung ist eine – aus welchen Gründen auch immer ausgelöste – Mutation bei der Zellteilung. Das Risiko solcher Mutationen steigt natürlich, je mehr und je schneller sich die Zellen teilen und erneuern, daher liegt das Risiko bei Ratten entsprechend hoch.
Überblicke über die Entwicklung der Rattenhaltung:
History of the Norway Rat (englisch)
Die Weltwoche – In Ekelhaft
Nachwuchs I
Stimmt es, daß verwandte Ratten keinen Nachwuchs zeugen?
Nein. Man geht zwar mittlerweile sogar davon aus, daß Ratten auch später noch im Rudel ihre Geschwister identifizieren können, aber das bedeutet nicht, daß sie sich nicht auch verpaaren würden. Das gleiche gilt für Mutter-Sohn und Vater-Tochter. Inzucht bei Ratten birgt dieselben Risiken wie bei allen anderen Spezies und sollte vermieden werden. Geschwister müssen mit dem Einsetzen der Geschlechtsreife getrennt und ebenso getrennt gehalten werden wie nicht-verwandte unkastrierte Böcke und Weibchen.
Nachwuchs II
Stimmt es, daß Ratten aufhören, sich zu vermehren, wenn kein Platz mehr im Käfig ist?
Ebenfalls ganz klares nein. Es wird dann höchstens irgendwann passieren, daß die Tiere so gestresst sind, daß sie frische Würfe sofort auffressen.
Pest und Cholera!
Stimmt es, daß Ratten die Pest und andere Krankheiten übertragen?
Schulterratten
Ist eine Ratte mit einem Menschen, der sie herumträgt, genauso glücklich wie mit anderen Ratten?
Wilde und halbwilde Ratten
Muß man wilde Ratten einkreuzen, um gesündere, langlebigere Ratten zu züchten?
Immer wieder hört oder liest man die These, man könnte doch Wildratten in bestehende Farbrattenzüchtungen einkreuzen, um diese widerstandsfähiger und gesünder zu machen; diese Aussage konnte bisher in keinster Weise bestätigt werden, und im Sinne der Tiere ist davon auch dringend abzuraten.
Aus Einfangaktionen ausgesetzter Farbratten gehen immer mal wieder sog. Hawis – halbwilde Ratten – hervor, wenn Farbrattenweibchen von wilden Rattenböcken gedeckt wurden. Hawis zu halten, ist extrem schwierig: Hawis haben oft einen extrem ausgeprägten Nagetrieb, man kann sie praktisch nur in Vollmetallkäfigen halten, und sie bleiben i.d.R. ihr Leben lang scheu, selbst bei Handaufzuchten konnte man keinerlei Neigung bemerken, daß diese Ratten zutraulich geworden wären oder den Kontakt zum Menschen von sich aus gesucht hätten, wie das bei Farbratten der Fall ist.
Insofern stellt sich die Frage, inwiefern man Hawis in Gefangenschaft überhaupt ein artgerechtes Leben bieten kann, denn die Haltung, die für Farbratten angemessen ist, muß bereits als überaus anstrengend und belastend für Hawis angesehen werden. Ein Wiederauswildern dieser Ratten ist nicht möglich, denn sie tragen Farbrattengene in sich. Selbst wenn Hawis i.d.R. agoutifarben sind (seltene Ausnahmen, die auf Farbmutationen beruhen, kann es geben) können in der zweiten Generation wieder andere Fellfärbungen auftreten, die für ein Überleben in der Wildnis denkbar ungeeignet sind. Bei Ratten konnte man mittlerweile auch die Gene lokalisieren, die dafür verantwortlich sind, daß sie zahm werden oder nicht – der Unterschied zwischen wilden Ratten und Farbratten liegt also nicht nur in der Fellfarbe, sondern das Erbgut unterscheidet sich in wesentlichen Punkten. Hawis passen also weder in die eine noch die andere Lebensform, man tut den Ratten keinen Gefallen damit, sie zu kreuzen.
Hinzu kommt, daß ein vermeintlicher Nutzen dieser Einkreuzungen keinesfalls bewiesen ist, er gründet sich einzig auf Vermutungen, die aber bei näherer Betrachtung nicht standhalten: man sagt wilden Ratten eine ungeheuere Robustheit und Anpassungsfähigkeit nach – dies beruht aber hauptsächlich auf ihrer hohen Reproduktionsrate, die die Todesfälle ausgleicht. Wenn man bedenkt, daß aus einem einzigen Rattenpaar innerhalb nur weniger Wochen über 100 Nachkommen entstehen, wird schnell klar, daß auch die Sterberate entsprechend hoch sein muß, andernfalls würde die Welt überquellen vor Ratten. Der Mythos der angeblich langlebigen, robusten Wildratte bricht logisch betrachtet schnell in sich zusammen, und damit wird auch der Gedanke, man könne Wildratten bei Farbratten einkreuzen, um die Spezies robuster zu machen, ad absurdum geführt.
© Chipi