Körperbau
Die Farbratte (Rattus norvegicus forma domestica) stammt von der Wanderratte (Rattus norvegicus) ab und ähnelt ihr daher in ihrer Anatomie starkt. Männliche Farbratten können eine Körperlänge von bis zu 30 cm erreichen, die weiblichen bis zu 25 cm. Hinzu kommt ein ähnlich langer, aber meist nicht länger als 23 cm, Schwanz.
8 Wochen altes kastriertes Farbrattenmännchen
Aufgrund ihrer Körpergrösse erreichen Männchen durchschnittlich ein Gewicht von 350 bis 700 g, die kleineren Weibchen bringen meist nur 250 bis 500 g auf die Waage. Doch wie beim Menschen gibt es auch bei Ratten besonders grosse und besonders zierliche Tiere. Daher sind diese Angaben nur Durchschnittwerte. Ein Idealgewicht für Ratten gibt es daher nicht.
Extremitäten
Ratten sind wie wir Menschen Sohlengänger und sie besitzen an den Vorderpfoten vier und an den Hinterpfoten 5 bekrallte Zehen. An den Vorderpfoten ist aber meist noch ein sogenannter abgeflachter Daumennagel zu finden.
linke Vorderpfote
rechte Hinterpfote
Dank ihrer Pfoten sind Ratten wahre Kletterkünstler, die eigentlich alles erklimmen können, was sie vorfinden. Da sie die Hinterpfoten ganz nach hinten drehen können, können sie auch an senkrechten Flächen kopfüber herabklettern, sofern sie mit ihren Krallen ausreichend halt finden. Oft jedoch trauen sie sich nicht wieder herunter, sodass man sie von Schränken oder ähnlichem „retten“ muss.
Des Weiteren können Ratten ihre Vorderpfoten wie Hände benutzen um Futter während des Fressens zu halten und zu drehen.
Aber auch zum Putzen sind die Pfoten eine nützliche Hilfe.Ratten putzen sich ähnlich oft wie Katzen und sind daher sehr reinliche Tiere. Wenn sie nicht in dreckigen Käfigen leben müssen, besitzen Ratten sogar einen eigenen, parfümartigen Geruch.
Gebiss
Ratten besitzen, wie alle Glires, also Nager und Hasenartige, pro Kieferhälfte einen vergrösserten und gekrümmten Schneidezahn (Incisivus), den sogenannten Nagezahn. Dieser ist wurzellos und dauerhaft nachwachsend. Im Gegensatz zu normalen Säugerzähnen befindet sich der zweischichtige Zahnschmelz nur auf der Vorderseite dieser spezialisierten Schneidezähne. Aufgrund der Unterschiedlichen Konsistenzen von Dentin und Zahnschmelz bricht der Zahn beim Nagen stets so ab, dass sich eine scharfe Kante bildet.
Schema eines Nageezahns, dick schwarz der Zahnschmelz
Dieses „Abbrechen“ ist für die Tiere lebensnotwendig, da zu lang gewordene Zähne die Tiere am Fressen hindern oder gar so lang werden, dass sie den Kiefer durchbohren können. Da das Zahnmaterial aber extrem hart ist, nutzt es sich nicht beim gewöhnlichen Nagen an Holz oder ähnlichem Material ab, sondern in erster Linie beim Aneinanderreiben der Zähne selbst z.B. beim Breischlecken oder Knuspern. Zahnprobleme kommen bei Ratten daher in der Regel nur bei Zahnfehlstellungen vor. Vor Karies sind aber auch die kleinen Nager nicht sicher, daher sollte unbedingt auf zuckerhaltige Leckereien soweit es geht verzichtet werden.
Ratten besitzen weder Eckzähne (Canini) oder vordere Backenzähne (Prämolare). Daher befindet sich zwischen dem Schneidezahn und den drei hinteren Backenzähnen (Molare) auf jeder Kieferhälfte eine grosse Lücke, auch Diastema genannt. Die Molaren haben, im Gegensatz zu denen von z.B. Meerschweinchen, nur ein begrenztes Wachstum, sie können also nicht zu lang werden und das Tier am fressen hindern. Die Zahnformel von Ratten lautet also 1003 / 1003. Somit besitzen Ratten nur 16 Zähne. Wie alle typischen Nager durchlaufen Ratten keinen Zahnwechsel, sie besitzen also keine Milchzähne.
Gesunde Zähne haben eine orange Färbung. Sollte sich die Zähne verfärben, sollte umgehend ein Tierarzt aufgesucht werden, da das Tier an einer Zahnerkrankung leiden kann, die äusserst schmerzhaft sein kann, oder eine Mangelerscheinung zeigt.
Hinter den Schneidezähnen befindet sich das Inflexum pellitum, eine Haut, die beim Nagen das Eindringen von Fremdkörpern in die Mundhöhle und somit das Verschlucken von schädlichen Splittern verhindert. Ratten nehmen also keine Fremdkörper beim Nagen auf, wenn sie dies nicht wollen. Daher kann Plastik in Rattenkäfigen verwendet werden, was bei anderen Nagern lebensgefährlich werden kann. Die Nagekanten an Plastikeinrichtung sollte aber regelmässig kontrolliert und gegebenenfalls abgeschliffen werden.
Schwanz
Der typische Rattenschwanz ist im Gegensatz zur landläufigen Meinung nicht unbehaart, sondern mit winzigen Haaren versehen. Beim genaueren Betrachten erkennt man 160 bis 200 Schuppenringe.
Der Schwanz dient bei Ratten zur Thermoregulation, ebenso wie die kaum behaarten Pfoten, da dort Wärme abgegeben werden kann. Des Weiteren hilft er beim Balancieren auf schmalen Ästen oder Seilen und als direkt eingesetzte Kletterhilfe.
Gesichtssinn
Ratten besitzen unbewegliche Augäpfel und ihnen fehlt die Fähigkeit des Scharfstellens. Da sich die Augen seitlich am Kopf befinden, sodass sich die beiden Sichtfelder nicht überlappen können, sind sie ebenfalls nicht zum dreidimensionalen Sehen befähigt. Statt des räumlichen Sehens haben Ratten aber aufgrund dieser Anatomie ein Rundumsehen, das für potentielle Beutetiere überlebenswichtig ist.
In der Netzhaut befinden sich nur Stäbchen. Die fehlenden Zäpfen lassen darauf schliessen, dass Ratten ihre Welt nur in schwarz weiss wahrnehmen. Da sie ohnehin kaum scharf sehen, ist dies aber für die Tiere kein Problem. Sie können sehr gut Licht und Schatten unterscheiden und besitzen ein sehr gut entwickeltes Dämmerungssehen.
In der Nickhaut, dem dritten Augentlid, befindet sich bei Ratten die Harder’sche Drüse, eine abgeleitete, akzessorische Tränendüse, die im Bau der eigentlichen Tränendrüse ähnelt. Die Harder’sche Drüse sekretiert im Normalfall eine klare Flüssigkeit, die auch der Befeuchtung der Augen dient. Durch den Tränen-Nasen-Kanal kann dieses Sekret auch zur Nase fliesen. Im Krankheitsfall oder wenn die Ratte gestresst ist, verfärbt sich das Sekret rot bis bräunlich. Die dann um Nase und Augen entstehenden Krusten von getrocknetem Sekret erinnern an geronnenes Blut.
Gehör
Das sehr gut entwickelte Gehör der Ratten macht die eingeschränkte optische Wahrnehmung wett. Ihr Hörspektrum reicht von 8 kHz bis weit über 20 kHz. Das des Menschen nur bis 20 kHz. Töne im Ultraschall Bereich können nicht nur wahrgenommen, sondern auch erzeugt werden und dienen somit zur innerartlichen Kommunikation.
Tastsinn
Aufgrund der Vibrissen oder Tasthaare im Gesichtsfeld können sich Ratten auch in äusserster Dunkelheit orientieren. Dank ihres gut ausgebildetem Tastsinns können sie leicht die Entfernung von Gegenständen einschätzen und es ermöglich auch erblindeten Tieren ein fast normales Rattenleben weiterzuführen.
Geruchssinn
Ein weiterer erstaunlich gut entwickelter Sinn ist der Geruchssinn. Das olfaktorische Zentrum im Gehirn ist bei Ratten bei weitem grösser im Vergleich zur Gesamthirngrösse als beim Menschen. Dank ihrem guten Geruch können Ratten sowohl ihre Nahrung erschnüffeln als auch Feinde und Rudelmitglieder riechen. Gerüche spielen auch bei der innerartlichen Kommunikation eine wichtige Rolle : so wird das Revier eines Rudels hauptsächlich durch Ausscheidungen der auf dem ganzen Körper verteilten Talgdrüsen markiert. Der Rudelgeruch spielt auch eine wichtige Rolle und Ratten die ihn nicht tragen, werden konsequent aus dem Revier vertrieben, was eine Rattenvergesellschaftung etwas komplizierter macht.
Geschlechter und Fortpflanzung
Männliche Ratten sind im Alter von ca. vier Wochen am deutlich sichtbaren Hoden leicht zu erkennen. In diesem Alter sollten sie unbedingt von der Mutter getrennt werden, um Inzest zu vermeiden, da die Geschlechtsreife kurze Zeit später eintritt. Ratten können ihren Hoden etwas in die Bauchhöhle ziehen, er bleibt aber immer sichtbar. Im Sommer ist er meist deutlich nach aussen verlagert, was mit den hohen Temperaturen zu tun hat, da die Spermien im Hodensack „gekühlt“ werden müssen. Es ist also durchaus normal, dass der Hoden an warmen Sommertagen dicker aussieht. Bei einer Kastration werden Hoden und Nebenhoden entfernt, im Samenleiter können aber einige Spermien eine gewisse Zeit überleben, weshalb Ratten nach der Kastration eine sogenannte Kastrationsquarantäne absitzen müssen, um Nachwuchs zu verhindern.
Rattenweibchen sind im Alter von ca. 6 Wochen geschlechtsreif und können somit nach einer Tragzeit von 21 – 25 Tagen im jungen Alter von gerade einmal 9 Wochen selbst Nachwuchs zur Welt bringen. Ein Wurf kann bis zu 20 Jungtiere umfassen, wobei die meisten Ratten um die 10 Welpen gebären. Die Jungen werden ca. 3 Wochen lang gesäugt, beginnen aber mit ungefähr zwei Wochen, wenn sie das Nest verlassen, feste Nahrung aufzunehmen. Wie alle Nager besitzen Ratten zwei Gebärmütter (Uterus duplex).
Qualzuchten
Wie bei vielen Heimtieren, blieben auch die Ratten vor Züchtungen nicht verschont, die im Auge der Betrachter schöner sind als Standard-Farbratten oder gar allergiefreundlicher. Letzteres äussert sich in der Nacktratte. Diesem Tier fehlt die Körperbehaarung oder sie ist zumindest sehr stark reduziert. Meist fehlen auch die Vibrissen oder sie sind verkümmert und somit unbrauchbar zur Orientierung. Nacktratten können sich nicht nur nicht selbstständig warmhalten und sich sehr erkältungsanfällig und sonnenbrandgefährdet, das Fell schützt normale Ratten vor Verletzungen bei Streifzügen oder kleineren Streitereien und Rangordnungskämpfen im Rudel oder sogar ganz normaler Fellpflege.
Eine weitere Qualzucht ist die Patchwork-Ratte. Bei ihr kann man einen kahlen Fleck beobachten, der über den Körper wandert.
Lockige Ratten finden die Leute süss, doch ihnen fehlt die wärmende Unterwolle und auch die Vibrissen sind gelockt und somit unbrauchbar. Zusätzlich sehen diese Tiere immer aufgeplustert aus, was im Rattenrudel als Aggression wahrgenommen wird und somit zu Missverständnissen führt.
Ebenfalls ganz niedlich sollen Dumboratten sein. Diese Tiere haben wie der kleine Elefant von Walt Disney grössere Ohren als Standard-Ratten. Dieses Aussehen geht einher mit einem verkürztem Körper, einem breiteren und platteren Kopf und, wie sich aus dem Aussehen vermuten lässt, einer unnormalen Verformung des Skeletts. Dumboratten sind aufgrund des Verformten Schädels meist taub oder können nur eingeschränkt Geräusche wahrnehmen. Zudem wird vermutet, dass die Tiere ein Leben lang unter Kopfschmerzen leiden und deshalb eher zu den ruhigeren Zeitgenossen zählen sollen.
Ganz arm dran sind Tailless-Ratten (auch Manx-Ratten genannt in Anlehnung an die schwanzlosen Manxkatzen). Ihnen wurde der Schwanz abgezüchtet. Der Schwanz ist wichtig für die Thermoregulation zum Balance halten und vor allem beim Klettern. Somit sind die Tiere in ihren normalen Bewegungen eingeschränkt. Verantwortlich für die Schwanzlosigkeit ist wie bei Manxkatzen ein dominantes Gen, das die Wirbelsäule verformt. Im homozygoten Zustand ist die Verformung derart gravierend, dass die Tiere bereits vor der Geburt versterben.
In den USA werden leider Fat-Rats immer beliebter. Wie der Name schon sagt, sind diese Tiere besonders dick. Sie erreichen nicht selten ein Gewicht über einem Kilo. Vermutet wird hier ein Adipositas-Gen, das eine Disposition für Übergewicht verursacht.
Die Vermehrung solcher Qualzuchten ist strikt abzulehnen, da betroffenen Tieren ein normales Rattenleben nicht ermöglicht wird. Daher sollte man solche Tiere nie von Züchtern, Händlern oder gar Zoohandlungen kaufen, auch nicht aus Mitleid, da ein Kauf die Produktion dieser armen Geschöpfe nur ankurbelt. Dennoch verdienen auch solche Tiere als Tierschutzfälle ein möglichst artgerechtes Zuhause, das man ihnen mit dem nötigen Wissen über ihre Besonderheiten bieten sollte, schliesslich fördert man so nicht die Produktion von Qualzuchten sondern rettet ein bereits bestehendes Leben.
© Nienor
kann gern weiter ergänzt werden
















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